Am 22. September 2009 erreichte uns folgende Mail:
"Ja – wie macht sie sich?
Zunächst einmal ist sie noch immer genau der gleiche, verspielte, fröhliche, neugierige Kindskopf, den ich bei Euch abgeholt habe. Sie muss nach wie vor alles, wirklich alles in den Mund nehmen (nicht gut für meine Klamotten – ich wirke im Umgang mit ihr nur selten lange reinlich). Mit besonderer Hingabe schnullert sie an sämtlichen Kindern herum. Auch Hunde beglückt sie gerne und häufig mit ihrer überschwänglichen Zärtlichkeit. Du glaubst nicht, was für einen Gesichtsausdruck ein Hund aufsetzen kann, den gerade ein Pferd quer übers Gesicht geschleckt hat.
Wenn man den kleinen Kobold führt und nicht genau auf sie aufpasst, schnappt sie sich unterwegs gerne irgendwelche Trophäen, die sie dann stolz vor sich her trägt. Je groß, desto schön. Eine Sekunde lang nicht hingeschaut, dann siehst Du Dich um und Deinem vergnügten Pferd baumelt mindestens ein größeres Badetuch aus dem Mund. Sie apportiert aber auch gerne die Hunde-Frisbees, die die zahlreichen Labradors manchmal im Hof liegen lassen.
Kein anderes mir bekanntes Lebewesen kann mit einem einzigen Apfel eine so ungeheuerliche Sauerei erzeugen wie Rusalka. Leg ihr einen in den Barren, und eine Minute später ist ihr gesamtes Gesicht mit Apfelmus verschmiert. Bis zu den Ohren. Und wenn sie fertig ist, überkommt sie das dringende Bedürfnis, mich zu küssen.
Dass es ihr Spaß macht, von mir geritten zu werden und gemeinsam mit mir die große, weite Welt zu erobern, ist auf den Fotos, glaube ich, deutlich zu erkennen. Am Liebsten mag sie es, wenn im Programm auch der eine oder andere Sprung vorkommt. Ob das so bleibt, wenn wir höher ziehen, weiß ich noch nicht. Im ersten Jahr lasse ich sie auf keinen Fall mehr als Kniehöhe springen. Ihre Beine sollen ja schließlich auch noch gesund sein, wenn sie 30 ist. Mit dem Springen hat sie auch bereits fast wie von selbst die fliegenden Wechsel erlernt. Sogenannte „einfache“ Galoppwechsel kann sie dafür noch nicht – genau genommen sind die ja auch sehr viel schwieriger. Eine saubere Galopp-Schritt-Parade ist meines Erachtens anspruchsvoller als alle Seitengänge zusammen.
Was ihre Ausbildung betrifft, so versuche ich, sie nicht merken zu lassen, dass sie eine erhält. Wenn wir auf irgendwelchen Wiesen Abteilungen bilden, die sich in allen Gangarten in unterschiedlichem Tempo bewegen – von schleppend bis hektisch – bemüht sie sich vehement, sich ihren Freunden anzupassen. Ob sie auf fremde Pferde, die ihr so nahe auf die Pelle rücken wie Bushbaby und Notting Hill das dürfen, ebenso gelassen reagiert, muss sich noch zeigen.
Genau auf meine Schenkelhilfen zu achten, hat sie auch sehr schnell gelernt. Ist ja auch leicht einzusehen, dass es gut für sie ist, wenn ich sie seitlich wegdrücke, wenn vor uns ein Stein oder ein Loch in der Wiese auftaucht. Auf diese Weise hat sie reagiert, als hätte sie noch nie etwas anderes gemacht, als ich letzte Woche spaßeshalber ausprobiert habe, ob sie eine Trab-Traversale geht. Sie vertraut einfach darauf, dass alles, was ich ihr sage, Sinn macht. Dementsprechend funktioniert die Kommunikation von Tag zu Tag besser.
Ihre extreme Schreckhaftigkeit hat sie inzwischen weitgehend abgelegt. Selbst Linienbusse und Mähdrescher bewältigen wir inzwischen spielend. Dass das Pelham im Gelände trotzdem nach wie vor kein Luxus ist, hat sich erst vorgestern wieder gezeigt, als ein Polizeiauto mit eingeschalteter Sirene direkt an uns vorbei gerast ist. Wäre es ihr da gelungen, den Kopf hochzureißen, hätten wir vermutlich beide 2 m tiefer im Graben gelegen. Aber Du siehst ja auf den Bildern, dass ich sie auch mit Pelham nicht in eine Fehlhaltung bringe.
Ansonsten ist das Leben aller drei Pferde im Moment wirklich sehr schön. Sie sind von ½ 7 Uhr morgens bis ½ 5 Uhr abends draußen, haben einen Unterstand, genügend Platz, genug Gras und einen eigenen Wasseranschluss, und abends folgt dann noch das Unterhaltungsprogramm. Die fürchterliche Insektenplage, die uns den gesamten Sommer so zu schaffen gemacht hat, ist vorbei, draußen sind sämtliche Wiesen gemäht, das Wetter stimmt – besser geht’s kaum."